Tanja’s Day Off

Zum Start in das Neue Jahr überlassen wir unserer Tanja die Ehre, euch mit der Geschichte über ihren persönlichen „Day Off“ zu begeistern. Wieso „Day Off“? Dafür hat unser Chef eine ganz besondere Erklärung:

Seinen Namen teilt sich unser Chef mit einem Filmhelden aus den Eighties – auch wenn er sich ein bisschen anders schreibt. Die Komödie “Ferris macht blau” – oder auf Englisch: “Ferris Bueller’s Day Off” – war 1986 ein Kino-Hit. Die Kurzfassung: Ferris Bueller, ein Teenager in seinem letzten Schuljahr, zeigt wenig Begeisterung für die Schule, dafür umso mehr Kreativität wenn’s ums Schuleschwänzen geht. Einer dieser “Days Off”, an dem Ferris vorgibt, krank zu sein, artet in einer turbulenten Verfolgungsjagd aus.

Nun ist unser Chef ja kein Teenager mehr, hat aber sehr viel Verständnis für seine jungen Angestellten. Und weil diese das ganze Jahr über so hart arbeiten, bekommen sie zu ihren Ferientagen einen zusätzlichen “Day Off”, also einen freien Tag. Aber nicht einen zum Verschlafen. Die Auflage: der Tag soll kreativ genutzt werden. Für etwas, wofür man sonst keine Zeit hat. Wegen der vielen Arbeit. Oder dem anstrengenden Privatleben. Hier lest ihr, was wir so mit unserem “Day Off” angestellt haben:

Tanjas Day off

Tanja’s Day Off

Im Urlaub gönnt man sich öfters mal ein Taxi. Und während meiner arbeitsfreien Tage in Amerika, habe ich gemerkt: Die Fahrer sind meist recht gesprächig, erzählen gern mal ihre ganze Lebensgeschichte. Der Sohn hat Krebs, die Tochter muss operiert werden oder der Fahrer selbst hat einen Schicksalsschlag erlitten. So langsam fing ich an, mir Gedanken zu machen: Warum erzählen sie so persönliche Sachen wildfremden Leuten? Jeder hat eine Geschichte zu erzählen. Aber offenbar hat nicht jeder jemanden, der sie sich auch anhört.

Erzähl mir deine Geschichte!

Als Mitarbeiterin einer Storytelling-Agentur erzähle ich Geschichten. Aber eigentlich sollte ich eben auch mal bewusst zuhören. Ich beschloss, meinen “day off” dem Zuhören zu widmen: Ich wollte Geschichten hören. Einblicke in das Leben anderer erhalten. Wenn sie mich denn lassen würden.

Also habe ich ein Kartonschild gebastelt, auf dem stand: “Tell me your Story – Erzähl mir deine Geschichte!” Ich habe mich an verschiedenen Orten in Zürich damit hingesetzt, unter anderem an der Bahnhofstrasse, am Hauptbahnhof und beim Paradeplatz, habe mein Schild aufgestellt und gewartet.

Das Mädchen mit dem Kartonschild

Nun stehe ich prinzipiell gerne im Mittelpunkt, habe auch keine Probleme vor Menschen zu sprechen. Aber mit so einem Kartonschild auf der Strasse kam ich mir schon sehr ausgestellt vor. Die vorbeigehenden Menschen starrten mich an, runzelten die Stirn und begannen zu tuscheln. Viele lasen wohl nicht mal das Schild und hielten mich für eine Bettlerin. Neben der Kälte machten mit vor allem diese abschätzenden Blicke zu schaffen. Ich wusste nicht, wohin ich schauen sollte. So, wie wenn alle Freunde “Happy Birthday” für dich singen, und du nicht weisst, was du machen oder wen du anschauen sollst. Mal habe ich die Leute auffordernd angelächelt, mal ins Leere gestarrt und manchmal habe ich sogar jemandem mit einem “Hallo” angesprochen. Enttäuschenderweise liess sich niemand dazu erweichen, mir seine Geschichte zu erzählen. Fast niemand.

Tayos Geschichte

Gerade als ich aufgeben und einen neuen Sitzplatz suchen wollte, höre ich ein “hey, how are you?” Mit einem breiten Lächeln streckte der junge Mann mir ein Zehnernötli entgegen. “Hier für dich, damit du dir etwas Warmes zu trinken kaufen kannst”, sagt er auf englisch. Ich habe erwidert, dass ich kein Geld wollte, sondern seine Geschichten hören möchte. Also hat er sich zu mir gesetzt und erzählt. Wie er vor fünf Jahren aus Afrika in die Schweiz gekommen ist und gar nichts hatte. Dass er heute dankbar für seinen Job und für ein Dach über dem Kopf ist. Wie nett die Menschen zu ihm waren und sind. Dass er früher nichts hatte, und heute alles, was er braucht. Und dass dies der Grund war, dass er mir helfen wollte. Es hat ihn nicht interessiert, was auf meinem Schild stand. Ob ich Geld für Essen, trinken oder sonst was gebraucht hätte, war ihm egal. Er wollte helfen. Er wollte etwas zurückgeben. Sein Name ist Tayo.

Was ich gelernt habe …

Es gibt sie also, die Menschen, die nicht alles als selbstverständlich ansehen. Die Menschen, die helfen wollen, ohne etwas dafür zu erwarten. Die Menschen mit einem Herz aus Gold. Was ich an dem Tag gelernt habe? Egal, wie viele Menschen sich nicht zu mir gesetzt haben. In Erinnerung bleibt die eine Person, die es getan hat!