Wie vermarktet sich die Miss?

Nach zweieinhalb Jahren hat die Schweiz endlich eine neue Miss. Sie heisst Jastina Doreen Riederer, ist zarte 19 Jahre jung und wurde am 10. März in Baden gekürt – also direkt vor unserer Haustür. Grund genug, uns die Wahl, die neue Miss und ihre erste Woche etwas genauer anzuschauen.

Über die Wahl selbst hat sich unser Chef bereits im “20 Minuten” geäussert: “unauffällig und durchschnittlich”. Klar, schlussendlich geht es um einen Schönheitswettbewerb, und ob man da das Rad neu erfinden muss, sei dahingestellt. Aber ein kleines bisschen mehr Pep, Spannung und Stimmung hätte die Sendung schon vertragen. Schade hat man nicht gesehen, wie die Security die Fotografen des Medienpartners Blick und der grössten Fotoagentur Keystone vor die Tür setzte. Wenigstens ein bisschen Action. Auch wenn es – gelinde gesagt – unklug ist, den wichtigsten Medienpartner zu verärgern, und damit für unnötig negative Schlagzeilen zu sorgen.

Ecken und Kanten – aber nicht zu viele

Nun fängt ja jeder bekanntlich mal klein an, und die neuen Miss-Schweiz-Organisatoren werden sich die diversen Kritiken, die über die Wahlnacht zu hören waren, sicherlich zu Herzen nehmen. Jetzt gilt es erst einmal, die neue Miss zu vermarkten. Die grösste Herausforderung dabei: Eine Miss verkauft keine Leistung und kein Produkt, sondern ausschliesslich sich selbst. Dafür braucht es Ecken und Kanten – aber eben nicht zu viele davon. Jastina ist noch nicht mal dem Teenager-Alter entwachsen, und muss bereits entscheiden, was sie in den grössten Medien des Landes preisgibt, und was sie für sich behält. Und in welcher Art und Weise sie das sagt.

So hinterlässt die obligate Homestory in der “Schweizer Illustrierten” bei der geneigten Leserin gemischte Gefühle. Da erzählt Jastinas Mamas freimütig, diese erfülle nun den Traum der Mutter und müsse im Haushalt natürlich nicht mithelfen. Und die Miss selbst erklärt, sie habe noch nie abgestimmt und kenne auch die sieben Bundesräte nicht. Die Frage, ob an ihrem Körper alles echt sei, ist ihr aber “zu persönlich” (was in den meisten Fällen nein heisst), und auch, warum sie mit ihrem Vater nicht mehr redet, will sie nicht sagen. Eigentlich möchte sie locker und offen sein – aber dann doch nicht zu sehr. Dass ein so junges Mädchen, das plötzlich als Person (und nicht als Leistungsträgerin oder “Kleiderständer”) im Rampenlicht steht, verunsichert ist, kann man ihr allerdings nicht verübeln.

Miss CH
Auf die Homestory in der „Schweizer Illustrierten“ folgte ein kleiner „Shitstorm“ im Blick.

 

Jastina muss mehr Emotionen zeigen

Eine gute Woche nach dem Sieg gilt es allerdings langsam ernst: die Sieger-Plattitüden (“Mein Kindertraum hat sich erfüllt”, “Ich habe nie mit dem Sieg gerechnet”) sind vorüber, die Homestorys und Geschichtchen um ihr Beauty-Geheimnis erledigt. Was kommt jetzt? Jastina hat in ihrer Kindheit unter Mobbing und Bulimie gelitten – und spricht bisher recht emotionslos darüber. Genau wie über den Knatsch mit ihrem Vater – der sich zwischenzeitlich auch in den Medien zitieren liess. Und auch die ersten Negativ-Geschichten liessen nicht auf sich warten: Jastinas ehemaliger Model-Agent lüftete schon mal die Geheimnise um ihre Brüste (gemacht) und ihren Vater (fremdgegangen) und bezeichnete sie als verwöhnte Göre, die dem Job der Miss Schweiz nicht gewachsen ist. Hoppla.

Liebe Jastina, dass der kleine “Shitstorm” gleich am Anfang passiert, ist vielleicht gar nicht so schlecht. Jetzt ist das, was sowieso rausgekommen wäre, halt raus, was solls. Krone richten, weitergehen – und es denen, dies dir nicht zutrauen, umso mehr zeigen! Du hast nämlich das Potenzial, eine wirklich gute – sprich medial präsente – Miss Schweiz zu werden. Dafür musst du in den nächsten Wochen deine Zurückhaltung ablegen, Emotionen zeigen, Charakter, dein Profil schärfen. Das heisst nicht, dass du freimütig über dein gesamtes Privatleben Auskunft geben musst – du musst aber klar sagen, warum du etwas nicht erzählen möchtest. Du musst eine Meinung haben. Nicht zu allem und jedem, aber zumindest zu gewissen Dingen, die dich betreffen (zum Beispiel Schönheitswettbewerbe).

Wir wagen zu behaupten: Im Gegensatz zur Wahlnacht ist die neue Miss Schweiz alles andere als “unauffällig und durchschnittlich.” Jetzt gilt es, dies zu zeigen und richtig zu vermarkten. Wir freuen uns auf ein Jahr mit Jastina Doreen Riederer, und sind gespannt, wie wir die Miss Schweiz 2018 am Ende ihrer Amtszeit sehen.